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Hilfen zur Erziehung; hier: Angebote für Familien mit einem psychisch
erkrankten Elternteil (StäpkE) in der StädteRegion


Letzte Beratung
Donnerstag, 25. August 2022 (öffentlich)
Federführend
Amt 51 Jugend-, Schul-, Sport- und Kulturamt
Originaldokument
http://ratsinfo.wuerselen.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=6297

Der Jugendhilfeausschuss beschließt die Teilnahme der Stadt Würselen an dem Projekt StäpkE sowie die Beauftragung des Sozialdienstes katholischer Frauen Alsdorf e.V. mit der Durchführung über den Projektzeitraum hinaus.

Die Finanzierung erfolgt über die Städteregions-Umlage.

gez. Roger Nießen . gez. René Strotkötter .

Bürgermeister Beigeordneter

gez. Hans Brings . gez. Katja Brall .

Amtsleiter Sachbearbeiterin

gez. Alexander Kaiser .

Stadtkämmerer

 

 

Darstellung des Vorgangs:

Psychisch zu erkranken, scheint trotz aller Aufklärung immer noch zu Stigmatisierung und Ausgrenzung zu führen. Dies ist nur einer der Gründe, warum viele Eltern über eine psychische Erkrankung schweigen. Die Scham, über die eigene Erkrankung zu reden, ist zu groß. Aufgrund einer hohen Dunkelziffer gibt es trotz zahlreicher Studien keine genauen Zahlen zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen. Der Deutsche Gesundheitsservice geht z. B. davon aus, dass die Prävalenz, also die Gesamtzahl aller 15-79-Jährigen, die im Zeitraum von zwölf Monaten Gefahr laufen, an einer psychischen Störung zu erkranken, bei 28-33 % liegt (DGPPN Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V., 2022, „Basisdaten psychische Erkrankungen“, Berlin).

Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass diese Zahl alle Formen psychischer Störungen erfasst, von leichteren Formen bis hin zu schweren psychischen Krankheitsbildern wie Psychosen, ist davon auszugehen, dass immer noch ca. 20 % der Bevölkerung ein ernst zu nehmendes Risiko haben, psychisch zu erkranken. Heruntergebrochen auf die Städteregion Aachen bedeutet dies, dass ca. 10.000 Bürgerinnen und Bürger betroffen sein könnten.

Ein psychisch erkranktes Elternteil bedeutet ein erhebliches Risiko für die betroffenen Kinder. Neben der oft auftretenden sozialen Isolation der Kinder, entwickeln diese Schuldgefühle, für das nicht erklärbare Verhalten ihrer Eltern verantwortlich zu sein. Die krankheitsbedingte Unfähigkeit der Erwachsenen, ihre erzieherischen und versorgenden Aufgaben zumindest phasenweise nicht erfüllen zu können, führt bei den Kindern zu einer Art Rollenumkehr. Eltern übertragen dem Kind eine nicht kindgerechte und vor allem überfordernde elterliche Rolle und die damit verbundenen Aufgaben (Parentifizierung). Dies kann zu kindlichen Entwicklungsstörungen führen und das gesunde Aufwachsen erheblich beinträchtigen. Wissenschaftlichen Studien zufolge liegt die Gefahr, dass diese Kinder ihrerseits eine psychische Störung entwickeln, zwischen 41 und 77 %. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass ca. vier Millionen Kinder im Jahr einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung erleben, davon etwa 500.000-600.000 Säuglinge und Kleinkinder unter drei Jahren (vgl. Albert Lenz, 2017, Materialien zu frühen Hilfen, Band 9, Eltern mit psychischen Erkrankungen in den Frühen Hilfen).

Um die Situation der betroffenen Kinder zu verbessern, wurden in der Städteregion schon lange vor dem Projekt StäpkE, das seit Juni 2021 mit Fördermitteln des LVR als Verbundprojekt aller Jugendämter im Altkreis entstanden ist, Angebote für Kinder psychisch erkrankter Eltern etabliert. In Kooperation zwischen dem SkF Alsdorf und der Familienberatungsstelle des Vereins zur Förderung der Caritasarbeit in Alsdorf wurde 2014 der Kinderwunderladen eröffnet, ein Gruppenangebot für betroffene Kinder. Bereits seit 2012 existiert das Angebot AKisiA (‚Auch Kinder sind Angehörige) des Kinderschutzbundes in Aachen und auch freie Träger bieten Angebote für Kinder, so z. B. die Gruppe „Gute Zeiten-schlechte Zeiten“ der Kinder- und Jugendhilfe Brand. Parallel zur Jugendhilfe bieten Institutionen der Erwachsenenpsychiatrie Angebote für Eltern, z. B. in Form von stationären Maßnahmen oder Tageskliniken. Und hier wird das Problem offenbar: das medizinisch-psychiatrische Versorgungssystem ist individuumszentriert, d. h. die Hilfen werden entweder dem Kind oder den Erwachsenen (Eltern) zuteil. Es dominiert ein Nebeneinander der Hilfen und es gibt wenig bis kaum Zusammenarbeit. Was gebraucht wird, sind koordinierte Hilfen, die auf verschiedenen Ebenen (Kind und Eltern oder Familie), entweder parallel, nacheinander oder auch ständig wechselnd, ansetzen, je nach Bedarfslage. Dazu bedarf es einer engen Kooperation und Vernetzung zwischen dem Gesundheitssystem (Psychiatrischen Kliniken, Sozialpädiatrischen Diensten), der öffentlichen und freien Jugendhilfe sowie KiTas und Schulen. Das Projekt StäpkE setzt mit seinen Angeboten bei diesem Auftrag an.

Integraler Bestandteil von StäpkE bleibt der Kinderwunderladen, der seit Herbst 2020 mit zwei parallelen Gruppen gestartet ist. Die Familienberatungsstelle Stolberg führt das Gruppenangebot nun ebenfalls durch, sodass Kinder aus der gesamten Städteregion gut versorgt werden können und mittels Fahrdienst eine kontinuierliche Teilnahme gesichert ist.

Neu hinzugekommen sind folgende Module:

Elterntraining

Eltern in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken, mit ihnen Notfallpläne zu entwickeln, wie der Familienalltag auch im Fall eines akuten Schubes aufrechterhalten werden kann, schützt insbesondere die Kinder.

Familienmodul

Dieses Angebot bündelt Aspekte des Kinderwunderladens und des Elterntrainings und ist sinnvoll für Familien, die trotz der Niedrigschwelligkeit der beiden genannten Angebote keinen Zugang zu diesen finden konnten. Das Beratungs- und Begleitungsangebot wird, wenn nötig, „bis ins Wohnzimmer“ der betroffenen Familien getragen und dient oftmals als eine Art Clearing, um weitere Unterstützung für die Familien auf den Weg zu bringen.

Fachkräftefortbildung

Betroffene Eltern gehen mit ihrer Krankheit aus nachvollziehbaren Gründen nicht hausieren. Sie wissen um die Stigmatisierung, die mit ihrer Erkrankung einhergeht und sind sehr vorsichtig damit, ihre Not mit anderen zu teilen. Umso wichtiger sind Fortbildungen für Fachkräfte aus Schulen, KiTas, OGSen oder Jugendämtern, um zu erarbeiten, wie man Eltern einladen kann, sich den Helferinnen und Helfern zu öffnen, ohne dass diese Öffnung zu der sonst in Gesellschaft erlebten Erniedrigung führt.

Der zuletzt genannte Angebotsteil ist der Wichtigste in Bezug auf die zu Beginn geschilderte Problematik der noch verbesserungswürdigen Kooperation der Institutionen und der damit zusammenhängenden Koordination der Hilfen. Startschuss hierzu bot ein Fachtag am 09.06.2022 unter dem Titel „Kinder von psychisch kranken Eltern Familien im Spannungsfeld zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie“. Hierzu waren unterschiedliche Professionen aus unterschiedlichsten Arbeitsbereichen eingeladen: Ärzt:innen, Erzieher:innen, Mitarbeitende aus Jugendämtern, Jugendeinrichtungen, aus psychiatrischen Krankenhäusern und Tageskliniken, den sozialpädiatrischen und sozialpsychiatrischen Diensten, den Familienberatungsstellen, aus Schulen und Wohnheimen für psychisch erkrankte Menschen und aus weiteren psychiatrischen Hilfseinrichtungen. Ziel des Fachtages war, eine verbindliche Zusammenarbeit im Versorgungssystem zu schaffen, um den Benefit für die betroffenen Familien zu steigern. Hierbei soll kein neuer Arbeitskreis geschaffen werden. Es ist beabsichtigt, in den einzelnen Sozialräumen multiprofessionelle Fachkräfte fallbezogen „an einen Tisch“ zu bringen, um individuumszentriert und ganzheitlich die bestmögliche Förderung zu erzielen.

Der SkF Alsdorf als Kooperationspartner aller Jugendämter im Altkreis ist derzeit dabei, in den einzelnen Kommunen die Kontakte und Angebote der vernetzungswilligen Fachkräfte zu bündeln, um so in jedem Sozialraum ein festes Helferteam zu generieren. Die Bereitschaft zur Vernetzung ist sehr groß.

Verstetigung der Angebote

Alle Jugendämter im Altkreis haben bereits im Frühjahr 2022 ihr Interesse bekundet, die Angebote für Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil zu verstetigen und dafür entsprechende Mittel in die allg. RU einzustellen. Voraussetzung hierfür ist die nachgewiesene Wirksamkeit der einzelnen Module. Daher wurde zu Beginn der Projektlaufzeit das ‚ro für sozialwissenschaftliche Analysen und Planungen Dr. Joußen mit der Begleitung und Evaluation beauftragt. Der detaillierte Zwischenbericht zur Evaluation mit Stand Juli 2022 ist in der Anlage beigefügt.

Zusammengefasst hier einige Ergebnisse bzw. Handlungsempfehlungen der Evaluation:

  • Vielen Fachkräften fehlt eine hinreichende Kenntnis über das breite Spektrum der in der Städteregion insgesamt verfügbaren Unterstützungsangebote und des fachlichen Austauschs sowie eine kontinuierliche Zusammenarbeit.
  • 98 % der Befragten gaben an, dass aufgrund ihrer Erfahrungen und Erkenntnisse Maßnahmen zur besseren Nutzung der in der Region vorhandenen Ressourcen im Interesse der Kinder und Eltern erforderlich sind.
  • In der Städteregion gibt es Kompetenzen und Strukturen zur Versorgung von Kindern psychisch kranker Eltern, eine weitere Optimierung ist aber notwendig und möglich.
  • Die systemübergreifende Vernetzung ist dringend notwendig und sollte versteigt werden.
  • Fachkräftefortbildungen sowie die stattgefundene Fachtagung sind ein erster Schritt dazu, Vernetzung als Ressource zur Verbesserung der Lebenssituation von Kindern mit psychisch eingeschränkten und erkrankten Eltern zu mobilisieren.
  • Fortbildungen sollten auch auf Mitarbeitende aller Professionen ausgeweitet werden, die für eine möglichst frühe Identifikation von Unterstützungsbedarfen geeignet sind: Ärzt:innen, Lehrkräfte, Tagespflegepersonen, Erzieher:innen etc.
  • Voraussetzung für den Erfolg des Projektes ist, im weiteren Fortgang die Fachkräfte des medizinischen Hilfesystems intensiv einzubeziehen.
  • Eine zentrale Koordinierungsstelle in der Städteregion ist sinnvoll, die in einer Art Lotsenfunktion fungiert und die verschiedenen Hilfesysteme zusammenbringt.

Die Wirksamkeit der Angebote bzw. die Notwendigkeit der Verstetigung zum Zwecke der unerlässlichen Vernetzung lässt sich durch den Zwischenbericht der Evaluation durchaus belegen und die genannten Handlungsempfehlungen sind zum Teil bereits durch die Vernetzungsarbeit des SkF in der Umsetzung. Die zentrale Koordinierungsstelle sollte darüber hinaus aufgrund der fachlichen Expertise auch beim SkF angesiedelt sein. Alle Kommunen im Altkreis befürworten daher eine Verstetigung der Angebote über das Ende der Projektlaufzeit zum 31.12.2022 hinaus.

Herr Keller (Sozialdienst kath. Frauen e.V.) wird in der Sitzung das Projekt vorstellen.

Rechtslage:

Das im Juni 2021 vom Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend (BMFSFJ) verabschiedete Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen (Kinder- und JugendstärkungsgesetzKJSG) sieht u. a. bessere Hilfen für Familien mit einem psychisch oder suchtkranken Elternteil vor. Mit Umsetzung der gesamten Reform des SGB VIII im Jahr 2028 muss die Jugendhilfe alle Neuerungen realisiert haben. Die Kommunen in der Städteregion gehen die Veränderungen im Themenbereich Kinder von psychisch kranken Eltern frühzeitig an.

 

 

Finanzielle Auswirkungen:

Zur Durchführung der „Angebote für Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil StäpkE“ sind im Haushaltentwurf 2023 der StädteRegion Aachen im Produkt 06.04.01 „Erziehungsberatungsstellen mit Schulpsychologie, Familienbildungsstätten und Adoptionsvermittlung (allg. RU)“ im Teilprodukt 951500 "Erziehungsberatung mit Schulpsychologie, Familienbildungsstätten" Aufwendungen in Höhe von 90.000 € als Zuschuss an den SkF Alsdorf vorgemerkt.

Auswirkungen auf das Projekt Stadt der Kinder:

Das Projekt StäpkE richtet sich unmittelbar an Kinder, deren Eltern bzw ein Elternteil psychisch erkrankt sind. Dieses Projekt hilft betroffenen Kindern und Jugendlichen unmittelbar und trägt somit wesentlich zu den Zielen des Projektes Stadt der Kinder bei.

 

 

Anlage/n:

  1. Zwischenbericht Evaluation


Anlagen können jeweils im Originaldokument eingesehen werden.

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